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David Means - Coitus

David Means
Coitus


Dumont Literatur und Kunst, 2005
Gebunden
280 Seiten
Übersetzer: Dirk van Gunsteren

Leseprobe 1 (pdf, 0 MB)


Bestellen bei amazon.de

David Means - Coitus

Spitznamen sind weit verbreitet und lehnen sich häufig an Idole an. In David Means Kurzgeschichten jedoch haben die Protagonisten häufig Namen mit metaphysischem Anklang, selbst wenn Religion in ihren Leben keine Rolle spielt.
Genauso ungewöhnlich wie die Wahl der Namen der Figuren sind die Szenarien, in denen diese sich bewegen. Sei es, dass eine Moorleiche etwas über sich, seine toten Nachbarn und seinen Ausgräber erzählt oder sich ein Goldfisch als „Unkapputbar“ erweist; der Autor beweist außerordentliches Erfindungsreichtum. .

Seine Geschichten drehen sich häufig um unverarbeiteten Verlust, Trauer, Verdrängung, Hoffnungslosigkeit, Vergessen und den sich daraus ergebenden Emotionen. Doch seine Protagonisten geben selten auf, sondern lehnen sich vehement auf und kämpfen gegen ihr vorgebliches Schicksal an. Gerade dann,  wenn der Leser schon glaubt, ein rosa Licht am Ende des Tunnels zu sehen, schlägt David Means unbarmherzig zu. Dabei muss der Protagonist nicht zwangsläufig sein physisches Dasein beenden. Allerdings stellt sich manchmal das befremdende Gefühl beim Leser ein, dass der Tod die bessere Alternative gewesen wäre.  

Gekonntes Spiel mit wechselnden Perspektiven


Besonderes Geschick beweist er bei der Verknüpfung der parallelen Erzählstränge und den überraschenden Wechseln der Erzählperspektive. Seine durchdachten Figuren sind psychologisch stimmig und steuern meistens auf Umwegen ihrem persönlichen Armageddon entgegen. Gerade die überraschenden Wendungen der konsequent zu Ende geführten Episoden tragen erheblich zum Vergnügen an der Lektüre bei. Manchmal geht David Means dann sogar so weit, durch Anmerkungen oder Nachträge das „glückliche“ Ende nochmals in eine andere Richtung zu biegen oder in Frage zu stellen. Als Beispiel mag hier „Die Störung“ dienen, in der sich ein Stadtstreicher unter eine Hochzeitsgesellschaft mischt, um nicht zu erfrieren. Am Ende scheint dies zu gelingen „doch beließe man es dabei, so beließe man die Männer in ihrem Zustand eklatanter Hoffnung“. Diesen klebrig-süßlichen und völlig realitätsfremden Abschluss der Story will uns David Means natürlich nicht zumuten und so gibt es einen Anhang, der die Sache richtig stellt und dem Leser jede Hoffnung auf ein versöhnliches Ende raubt.


Beißende Ironie und purer Sarkasmus 


 Gewürzt sind seine Episoden mit beißender Ironie oder purem Sarkasmus. So schreibt er in „Was ich mir erhoffe“: „Ich will nicht, dass in meinen Geschichten noch irgendjemand stirbt. Von jetzt an soll das Leben herrlich sein.“ Nur um ein paar Seiten weiter die Story „Diverse Feuervorfälle“ mit: „Das erste Haus, das er an jenem Tag in Brand steckte, loderte in wunderschönen Farben, phantastisch, hell, eine Stunde lang, bis die Feuerwehr kam.“ Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Der Leser muss immer darauf gefasst sein, dass sich der Autor in der nächsten Geschichte selber widerlegt. Dieses Spiel mit Realitäten, Ansichten, Erzählperspektiven und Identitäten beherrscht er perfekt. Allerdings führt dies manchmal zu einem verwickelten Verlauf, welcher noch durch die Komplexität des Stils verstärkt wird.  

Der jetzt bei Dumont erschienene Erzählband namens „Coitus“ enthält insgesamt 20 Kurzgeschichten. Diese wurden den beiden Sammlungen „Assorted Fire Events“ aus dem Jahre 2000 sowie „The Secret Goldfish“ aus 2004 entnommen. Ein Hinweis des Verlages, nach welchen Kriterien die Auswahl erfolgte, fehlt leider. Auch warum ausgerechnet die Episode „Coitus“ als Titel herangezogen wurde, bleibt unklar. Einmal abgesehen davon, dass es sich dabei um eine der Schwächeren handelt, könnte man vielleicht versucht sein, vom Titel auf den Inhalt zu schließen. Da David Means die Realität wirklichkeitsgetreu abbildet, haben seine Figuren auch Sex. Dies liest sich dann so: „… und sie sagt: Ich komme, leise, kaum ein Hauch zwischen ihren Lippen, welche die Erinnerung geschaffen hat, die Erinnerung, die aus uns ein Durcheinander gemacht hat, verdreht, zerrissen von dem Versuch, diese Momente zu finden, die dunkelroten Flanken eines Kanus am Ufer, der reine Wind aus dem Norden, der durch die Nadelbäume faucht, die Idiotie, die darin liegt, von einem Ort zum anderen zu fahren, einfach nur, um es zu tun, obwohl man es gar nicht müsste…"  

Fazit: Unglücklich benannter Kurzgeschichtenband mit ungewöhnlich ausgefallenen und komplexen Szenarien, psychologisch ausgereiften Figuren und phantastischen figurativen Einschlägen. Der lyrische Erzählstil gepaart mit dem ironischen Unterton und den konsequent zu Ende geführten Episoden macht „Coitus“ zu einem Lesevergnügen und bestens geeignet für alle Freunde Hemingways oder Denis Johnsons. 

Rezensent: Wolfgang Haan





Verlagsinformation

»Eine der besten Story-Sammlungen der letzten zehn Jahre. Means’ Vollblutgeschichten sind aufwühlend und komisch, jede ihrer überraschenden Wendungen überzeugt. Sie sind auf eine Weise lyrisch, dass daneben das meiste, was heute als ›lyrisch‹ daherkommt, wie Glückwunschkarten klingt. Das ist Nahrung für die Ausgehungerten.«

Jonathan Franzen



»David Means ist ein Anatom des Desasters.«
Jeffrey Eugenides


Ohne Umschweife ins Zentrum treffen diese Geschichten, mitten in das gewalttätige Herz einer Beziehung, einer Landschaft, eines Charakters. Sie spielen in der Gegend des großen Seengebietes im nördlichen Michigan, und die Atmosphäre der Landschaften, der Jahreszeiten, der Farben und Wetter kriechen förmlich aus jeder Buchseite.
In der Titelerzählung »Coitus« wird Bob an einem heißen Julitag beim außerehelichen Beischlaf plötzlich von Erinnerungen an den Tod seines Bruders eingeholt, der vor Jahren in einem See ertrank. Immer weiter entgleisen die Erinnerungen, bis Denken und Fühlen kollidieren und Bob die heilende Kraft des Erinnerns erkennen muss. In einer weiteren dieser herausragenden Geschichten beendet ein Paar gerade sein Schäferstündchen in einem Auto, als plötzlich Schnee fällt und peitschender Wind aufzieht. Eine Tragödie bahnt sich an, während David Means uns in die Vergangenheit des Mädchens und zu dessen gewaltsamem Ende führt.
In höchst poetischer Prosa, in ständig wechselnden Perspektiven zwischen den Realitäten, verbindet David Means seine vielfältigen Erzählungen zu einem komplexen Bild menschlicher Emotionen. Er ist ein »Gestenjäger«, ein genauer Beobachter, der den Blick des Lesers auf die Details des Lebens lenkt und nie den Menschen aus dem Auge verliert. Obwohl seinen Figuren teilweise übersinnlich anmutende Begebenheiten widerfahren, erscheinen sie uns vertraut und lebendig und sind bei allen bitteren Lebenserfahrungen wie Verlust, Schmerz und Brutalität vor allem eins: menschlich.

Leseprobe


David Means
Ein Besuch von Jesus

Jan arbeitete in einem Lebensmittelgeschäft in Traverse City, Michigan, einer Stadt, die hauptsächlich für gute Kirschen und Kirschprodukte sowie für das jährliche Fest zu Ehren dieser Frucht bekannt ist. Seit zwei Monaten traf sie sich mit X, dem Besitzer des Geschäfts. Er war ein schwer arbeitender Mann mittleren Alters mit schönen blauen Augen in einem schmalen Gesicht, und er begegnete ihr anfangs und auch später mit altmodischer Förmlichkeit. Noch Wochen nach ihrem ersten Kuß schien er eine Scheu zu haben, sie irgendwo anders zu berühren als im Gesicht. Sie saßen im Lagerraum auf ungeöffneten Wellpappkartons voller Konservendosen und tranken Kaffee. Er kämpfte mit den Worten und rang beim Nachdenken die Hände. Seine Frau war vor Jahren bei einem eigenartigen Bootsunglück auf dem Walloon Lake ums Leben gekommen. Er erwähnte das nur einmal, und dabei stiegen ihm Tränen in die Augen. Er hatte eine kleine Wohnung über der Bäckerei, am Ende einer wackligen Holztreppe. Auch dort tranken sie Kaffee. Sie saßen auf der Hintertreppe und ließen sich vom Abendwind umfächeln. Sie unternahmen gemeinsame Spaziergänge am Mission Point. Es ging auf den Herbst zu. Die Touristen waren abgereist. Er sagte nicht viel, aber das machte nichts. Ihr gefiel sein Schweigen. Sie hielt seine Hand und spürte die Fältchen an den Knöcheln und die Schwielen an den Fingerballen. Als er sie doch einmal küßte, legte sie ihre Hand in seinen Nacken und versuchte ihn zu trösten. So war es einen Monat lang. Spaziergänge, Kaffee, Händchenhalten und Küsse. Einmal sagte er mit erstickter Stimme: Du bist so schön - eine junge Frau, erst vierundzwanzig, ist wie ein Engel in mein Leben getreten. Und sie war wirklich schön, mit honiggoldenem langem Haar, vollen, schweren Lippen, weicher als weich, und großen braunen Augen. An jenem Nachmittag hielt sie sein Gesicht in ihren Händen und überschüttete ihn mit Küssen, die langsam zum offenen Kragen seines Hemdes wanderten.
Im Geschäft war wenig los, wie immer, wenn die Saison vorüber war. Sie fegte den Boden und räumte Regale ein, während er neben dem eingeschalteten Radio saß und sich mit den Büchern beschäftigte. Sie hörte das leise Klicken der Rechnertasten. Hin und wieder hielt er inne, sah zu ihr her und lächelte.
Was sie anging, so erzählte sie ihm das Nötigste. Mit siebzehn hatte sie Bob Karr, ihren Highschoolfreund, geheiratet. Er zog in den Golfkrieg und kehrte als verwirrter, verbitterter und, wie er behauptete, schwer kranker Mann zurück - die Wüstenpilze hätten ihn krank gemacht. Er kratzte sich den ganzen Tag. Sie erzählte die Geschichte möglichst einfach, denn sie wollte nicht, daß ihre Vergangenheit einen Schatten über diesen sanften, stillen Mann warf, doch sie deutete an, daß der Krieg ihren Mann verändert hatte. Er war ausfallend, sagte sie. Sie zog wieder zu ihren Eltern nach Paw Paw und ging zwei Jahre auf das Community College, das ganz in der Nähe lag. Eines Nachmittags im Sommer erschoß sich Bob. Kurz darauf kamen, wie als Reaktion auf diese Tragödie, ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Und so zog sie nach Norden, nach Traverse City, und fand einen Job in X' Lebensmittelgeschäft.
Bis tief ins Herz des Winters von Michigan hinein war alles gut. Am dritten Dezember schliefen sie miteinander, in seiner Wohnung, auf sauberen, nach Stärke riechenden Laken. Danach ging sie heim, in ihr Zimmer über einen kleinen Kneipe, und sprach ihr Abendgebet - denn allein, in der Abgeschiedenheit ihres Zimmers, war sie fromm und beugte sich nieder und faltete die Hände auf der weichen Tagesdecke aus Popeline. Als sie so dalag, hörte sie über dem Lärm aus der Kneipe eine dünne, zittrige, erstickte Stimme, die aus der Wand kam. Es war Jesus, der zu ihr sprach. Er rief sie. Sie schwebte hinauf in den Himmel, und da saß er in einem Sessel. Er sah unscheinbar aus. Er hatte eine Boxernase, ein bißchen schief und mindestens einmal gebrochen. Sie versuchte, ihn nicht anzustarren. Seine Augen waren achatfarben, seine Haut war bleich. Er lispelte leicht. Die Dornenkrone saß auf gelb-blauen Haaren, so fein wie Seide. Man hatte ihm einen Topfschnitt verpaßt. Er formulierte seine Gedanken sorgfältig.
"Mein Kind", begann er. "Dieser Mann. Dieser X", sagte er. "Ich muß den Fall mit dir besprechen."
"Ja, Herr", sagte sie und sah ihm in die Augen.
"Ich habe dich geholt, um dich zu beschützen. Um dir meine Gnade zuteil werden zu lassen. Um dir... äh... na ja, ein paar Informationen zu geben."
"Ja." Mehr brachte sie nicht heraus. Sie hatte nicht erwartet, daß er so menschlich, so natürlich sein würde. Er wollte sich über die Nase wischen, besann sich aber.
"Vor deinen Augen ist eine Finsternis, und bevor du Gewalt erlebst, bevor dir Gewalt angetan wird, will ich dich... äh... darauf aufmerksam machen. Du solltest mal in seiner Truhe oder Kiste oder wie man das nennt nachsehen. Sei sehr vorsichtig. Du wirst schon sehen. Und dann kommst du wieder zu mir, und wir besprechen die - wie soll ich sagen? - erforderlichen Maßnahmen."
Er ließ sie wieder zur Erde fallen, ihr Sturz wurde durch die billige Matratze gedämpft. Das Lärmen der Gäste und der Baßlauf eines alten Eagle-Songs ("Hotel California") drangen von unten herauf, zusammen mit dem kreidigen Dunst von hundert qualmenden Zigaretten und dem gelegentlichen harten Klicken, wenn ein neues Pool-Spiel begann.
Am nächsten Nachmittag nahm sie den Zweitschlüssel zu seiner Wohnung von dem Haken hinter der Tür des Lagerraums. Ihr Geliebter sprach vorn mit einem Konservenlieferanten, er hatte ein Klemmbrett in der Hand und überprüfte die Bestände, als sie unter dem Vorwand, sie müsse etwas Persönliches im Drugstore besorgen, hinausging. Durch die Dampfheizung war es stickig in seiner Wohnung. Die Nachmittagssonne brannte durch die Fenster. Die militärgrüne Kiste, auf der in weißer Blockschrift sein Name stand, war offen, und sie sah sie sofort: aufgeschlagene Magazine. Jungen und ältere Männer, weit gespreizte Beine, aufgerissene Münder, aufgerissen vor Schmerz oder Scham, Schreie, die lautlos in den Nachmittag einbrachen, aber in ihren Ohren anschwollen und mit den Staubkörnchen hinaufschwebten ins Sonnenlicht. Einer der Jungen war geknebelt. Einem anderen waren die Hände auf den Rücken gefesselt. Oh, oh, sagte sie und fiel auf ihre schwachen Kniee. Die Abgeschiedenheit dieses Teils von Michigan kam über sie. Sie spürte, daß alles, was X ausgefüllt hatte - all die Einsamkeit, der Verlust ihrer Eltern, ihre Seele -, wieder leer wurde. In ihrem Inneren rumorte es. Sie raufte sich die Haare vor Kummer. Sie kehrte nicht zum Laden zurück, sondern ging in ihr Zimmer und legte sich auf das Bett. Unten war es still, es war Nachmittag, und dort saßen bloß ein paar Herumtreiber vor ihrem Bier und sahen dem Rauch zu, der von ihren Zigaretten aufstieg. So lag sie lange da. Im vorderen Zimmer läutete das Telefon. Ihr Anrufbeantworter klickte und piepte, und dann hörte sie X' Stimme, leise und besorgt. Das Telefon läutete abermals, sie erwachte und lauschte: Der Anrufbeantworter piepte, und die schauerlich kalte, aufgeblähte Stimme, die sie hörte, war die Stimme des Teufels. Sie erkannte sie sofort. Sie rollte über seine Zunge. Sie zischte. Sie war eine Entladung von statischer Elektrizität. Sie war der Wind, der um zwei Uhr morgens vom Lake Michigan heranfegte.
An diesem Abend tötete sie X im Laden mit einem Teppichmesser. Sie stieß es ihm in die Luftröhre und schnitt erst nach unten und dann zur Seite, sie weidete ihn aus, wie ihr Vater Hirsche ausgeweidet hatte, ganz gelassen. Man fand ihn im Lagerraum. Sein Kopf war sanft auf einen Sack Mehl gebettet, er hatte keine Hose an und seine Beine waren gespreizt. Und für die Polizei war sie natürlich die Hauptverdächtige, und nachdem man mit ein paar Einheimischen gesprochen hatte, begann man nach ihr zu fahnden, doch sie hatte sich in Luft aufgelöst, war nach Norden verschwunden und auf die eine oder andere Art in den Wäldern untergetaucht.
Sie war weit im Norden, in einem Hotel in Houghton mit Blick auf den Lake Superior, der unter dem heulenden Wind gegen Mittag chromblau aussah; sie kniete vor dem Bett und betete um Vergebung, als sie wieder hinaufgerufen wurde zu Jesus; diesmal trug er ein kariertes Hemd und hatte eine schwere Erkältung. Er gab sich Mühe, nicht zu schnüffeln, und hatte eine Schachtel Papiertücher auf den Knien.
"Du hast nicht zugehört", sagte er. Sie war erstaunt über seinen forschen, geschäftsmäßigen Ton. "Ich hatte dir doch gesagt, du sollst zu mir kommen und mit mir sprechen, bevor du weitere Schritte unternimmst."
"Ich hatte keine Zeit", sagte sie und sah ihm in die Augen. Sein Haar war etwas gewachsen, und er warf es mit einer ruckartigen Kopfbewegung aus dem Gesicht.
"Ja, so ist die Welt", sagte er. "Niemand kommt zu mir, um die Sache zu bereden. Immer heißt es: Erst handeln, dann reden."
"Es tut mir leid", sagte sie.
"Das liegt an diesem Wetter." Er sagte es, als spräche er mit jemand anderem, der hinter ihm im leeren Raum war. "Das macht jeden verrückt. Ich meine, da kriege ja sogar ich den Koller."
"Dann ist mir also vergeben?"
"Ich werde mir den Fall mal ansehen. Ich meine, ich werde es mir überlegen."
Wieder wurde ihr Sturz von einer billigen Matratze gedämpft. Sie lag auf dem Bett, lauschte auf Polizeisirenen und hörte nur das kalte Raspeln des Windes aus der Richtung des Sees. Die Männer nebenan tranken Bier, lachten, machten rumpelnde Geräusche. Sie schlief ein, und als sie am nächsten Tag erwachte, hörte sie das Wispern der Stimme des Teufels, das mit dem Wind unter der Tür hindurch kam.
"Wenn er es sich erst überlegen muß, wirst du wohl mit mir kommen müssen", sagte er.
"Oh." Sie setzte sich auf, blinzelte und legte die Arme vor ihre Brüste.
"Ich meine, wer hat schon Zeit?"
"Ich wohl nicht", sagte sie, obgleich sie sich nicht sicher war.

Man sieht solche wie sie überall: weggeworfen, kaputt, zerrissen, zerschlagen. Seien wir mal ehrlich: Sie ist nicht mit dem Teufel mit der wispernden Stimme gegangen, und auch nicht mit Jesus, der, nachdem er es sich in aller Ruhe überlegt hatte, zu dem Entschluß gekommen war, ihr gnadenhalber Aufschub zu gewähren; sie wurde vom Zimmermädchen gefunden, in einem kurzen blauen Bademantel, ganz zusammengekrümmt, die Knie an den Bauch gezogen; sie trug Strapse und einen kleinen Body, auf dem der Mann von nebenan bestanden hatte. Der andere war auch noch gekommen, als er mitgekriegt hatte, daß die Sache richtig in Fahrt kam; ihre Haut war so bleich wie der Himmel über dem See an diesem Morgen, und sie hatte an beiden Armen von oben bis unten Nadeleinstiche, die Spuren von zwei harten Jahren mit ziemlich reinem Heroin; ihre Scheide wies Abrasionsspuren auf, woraus der Arzt auf eine Vergewaltigung schloß. Als er mit der Taschenlampe in ihre Augen leuchtete, um die Pupillen zu überprüfen, bemerkte er ihre Schönheit: In der toten Reglosigkeit der Augen mischten sich eisiges Weiß und Blau; er dachte an seine fünfzehnjährige Tochter, die ihn noch immer umarmte und durch seine Liebe beschützt schien, aber er war nicht dumm, und er wußte, daß diese Welt, daß dieses große, weite Land alles, aber auch wirklich alles verschlingen konnte.



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