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Amelie Nothomb - Reality Show

Amelie Nothomb
Reality Show


Diogenes, 2007
Leinen
176 Seiten
Übersetzer: Brigitte Große


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60 Cent kostet ein Leben

Amelie Nothomb - Reality Show

Die Medien toben vor Abscheu; die Politiker rufen zum Boykott auf; die breite Masse kann die Ausstrahlung des neuen TV-Formates kaum erwarten, denn „es“ darf Gott spielen: mit einer 60 Cent kostenden SMS darf mit entschieden werden, wem eine unheilbar Kranke eine Niere spendet: drei schwerkranke Menschen, die seit Jahren auf eine Spenderniere warten, sind die Kandidaten. Ohne diese Transplantation werden auch sie über kurz oder lang sterben.
Die europaweiten Boykottaufrufe erreichen genau das Gegenteil dessen, was man sich erhoffte: jeder will die Sendung sehen. Und dann betreten die vier dem Todgeweihten das karg eingerichtete TV-Studio. Einer wird leben – drei werden sterben.
Es werden kurze Filmchen aus dem Leben der Kandidaten gezeigt; wer hier zum Publikumsliebling avanciert, hat gute Überlebenschancen. Dann trudeln die ersten SMS ein; der Moderator gibt mit nüchterner Stimme das Zwischenergebnis bekannt. Und als ob es um den „European Song Contest“ ginge, beginnt der unvermeidliche, stumme, klinische Wettkampf der Zuschauer um „ihren“ Favoriten…

Im vorstehenden Absatz wurde das Konzept einer Folge der real existierenden „Die große Spendenshow“ beschrieben, einem niederländischen TV-Format, in der eine Niere „verlost“ werden sollte; ausgestrahlt im Niederländischen Fernsehen am 01.06.2007 mit überwältigenden Zuschauerzahlen. Trotz mehrerer Anfragen wurde bisher nicht veröffentlicht, wie viele Zuschauer-SMS im Laufe der Sendung eingingen. 

Beispielhaft können Sie hier und hier Reaktionen der Tagespresse ersehen.

Amelie Nothomb geht in ihrem fiktionalen Roman noch einen deutlichen Schritt weiter: Medienschaffende führen ein neues TV-Format ein - Live aus dem KZ berichtet die Reality Show „Konzentration“. Da von vorneherein klar ist, dass sich niemand freiwillig töten lassen wird, geht man willkürlich vor: von der Strasse weg entführt man eine ausreichende Anzahl von Passanten. Dann erfolgt die Selektion: ein paar wenige werden zu Wächtern, die überwiegende Mehrheit zu KZ-Lagerinsassen. Als erstes beraubt man diese ihrer Identität: jeder erhält eine Nummer; wer ab diesem Zeitpunkt seinen Namen nennt, hat sein eigenes Todesurteil ausgesprochen. Täglich stimmend die Zuschauer per Knopfdruck ab, wer in die Gasöfen muss.

Doch die belgische Meisterin der Beschreibung „Des Tiers in Dir“ verzichtet auf detaillierte Beschreibungen. Stattdessen beschreibt sie auf zynische Weise die bereits heute herrschende Allmacht der Massenmedien und die voyeuristische Geilheit des anonymen Medienkonsumenten. Man denke nur an die erste Staffel von „Big Brother“ oder aktuelle Eintagssternchen wie den Gewinnern von „Deutschland sucht den Superstar“.

Der zweite wesentliche Handlungsstrang betrifft die Macht des Henkers und des Opfers. Stellvertretend für die beiden Fraktionen stehen Pannonica (Häftling) und Zdelna (Aufseherin). Beide Protagonisten strotzen von eindimensionalen, charakteristischen Klischees, entnommen gängigen Filmen oder Büchern. Zdelna prügelt aus Genugtuung, sich endlich an all jenen rächen zu können, die sie bisher nicht wahrnahmen und/oder ihr nie eine Chance auf ein „besseres Leben“ gaben. Pannonica lebte das von Zdelna gewünschte Leben. Im Lager entwickelt sie sich weg von dem 08/15-Insassen zu einer Ikone – sowohl der Zuschauer als auch der Lagerinsassen. Die Autorin lässt in dem Augenblick die Klischees als Karikatur zusammenbrechen, als beide, auf ihre Art, versuchen, ihre Macht auszuspielen. Und der Leser muss erkennen, dass Klischees am besten funktionieren, wenn sie nicht funktionieren.

Das Buch erscheint zunächst mit einem Umfang von 169 Seiten recht dünn. Doch dankenswerterweise erzählt Amelie Nothomb „Reality-Show“ so dicht und unprätentiös, dass eine höhere Seitenanzahl völlig unnötig ist. Eloquent ihre Sprache, gnadenlos ihr Zynismus, abwertend der Voyeurismus, höllenschlundig die Abgründe des Denkens. Und (in Teilen) erschreckend nah an der Wirklichkeit.

Rezensent: Wolfgang Haan





Verlagsinformation

Eine neue Reality-Show ist angesagt: »Konzentration« – die quotenträchtigste Sendung, seit es Fernsehen gibt. Inszeniert wird ein Konzentrationslager. Wer als Kapo mitmachen will, darf sich bei einem Casting bewerben. Die Gefangenen holt sich der Sender willkürlich von der Straße. Das Publikum zu Hause darf mitspielen: Jeden Tag sollen zwei Häftlinge via Fernbedienung oder Telefon zum Tod verurteilt werden. Unter den Gefangenen ist CKZ 114, eine junge, hübsche Frau. Im Leben davor hieß sie Pannonica und war Paläontologin. Sie ist die Heldin dieses Romans, eine Heldin im wahrsten Sinn: Denn sie versucht herauszufinden, wie man die eigene Würde bewahren kann, sogar unter diesen Umständen. Eines der einfachsten Mittel ist, sich zu siezen. Natürlich reicht das noch nicht aus, um ein Lager geistig und körperlich unbeschadet zu überstehen – aber es hilft. Andere Überlebensstrategien sind häretischer Art. Gottes leer gewordene Stelle muß ausgefüllt werden. Was läge näher, als selbst einzuspringen? Doch Pannonica übertreibt und bringt sich und auch alle anderen Gefangenen in Gefahr. Draußen schlägt die Sendung hohe Wellen. Die Presse verurteilt die Amoralität der Show in den scheinheiligsten Tönen, was die Zuschauerquoten um so mehr in die Höhe treibt.


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