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Walter Kempowski - Letzte Grüße

Walter Kempowski
Letzte Grüße


Hoffmann und Campe, 2004
Anzahl CDs: 5
Laufzeit in Minuten 360
gekürzte Lesung
Sprecher: Peter Franke

Hoerprobe 1 (mp3, 1.7 MB)

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„Wie ein Pelikan mache ich es…“

Walter Kempowski - Letzte Grüße

Es ist Herbst 1989 und Deutschland immer noch eine geteilte Nation. Aber Alexander Sowtschick, ein fast 70-jähriger westdeutscher Schriftsteller, plagen ganz andere Probleme. Zum einen leidet er schon des Längeren unter einer Schreibblockade und wird von seinem Verleger bedrängt, der endlich Resultate für seinen hohen Vorschuss sehen will. Seine Frau schleppt heimlich „teuer bezahlte aber wertlose“ Orientteppiche ins Haus und unterstützt ihre beste Freundin, von Alexander „Schamlippe“ genannt, finanziell.
Seine Tochter „Klößchen“ hat immer noch nicht als Grafikerin Fuß gefasst und ein Kollege, den er als „Dünnbrettbohrer“ bezeichnet hat, strebt eine Beleidigungsklage gegen Ihn an. Einzig sein Sohn „Schitti“ bereitet Ihm keine Sorgen.

Um seinem komplizierten Leben für eine kurze Zeit zu entgehen, nimmt er nach kurzem Zögern die Einladung des deutsch-amerikanischen Instituts nach New York an. Geplant ist eine Vortrags-Reise von New York nach Los Angeles und wieder zurück. Ausgerüstet mit einer Mehrzweckjacke (Parka), einer Prinz-Heinrich-Mütze, einem Kulturbeutel und einer Herz-Kreislauf-Schwäche tritt er die Reise an.

Kaum in Amerika angekommen, werden für Sowtschick alle Alpträume war. Er wird, statt wie erwartet im komfortablen Gästehaus, in einem miesen Hotel in einem verrauchten Zimmer mit reparaturbedürftigen sanitären Einrichtungen und vergitterten Fenstern untergebracht. Nach Verzehr seiner ersten Mahlzeit erleidet er eine Lebensmittelvergiftung - und das alles bereits am ersten Tag seines Aufenthaltes!

Im Verlaufe der Reise hangelt sich Sowtschick erfolgreich von einer peinlichen Situation in das nächste Fettnäpfchen. Die Amish-People verärgert er so stark, dass sie sich weigern, Ihm Souvenirs zu verkaufen. Er schließt sich versehentlich selber in einem Klo ein, sperrt sich aus Hotels oder Gasthäusern aus, verpasst mehrfach die Sperrstunde oder wird als Kinderschänder von der Polizei aufgegriffen. Die meisten Unterkünfte und das Essen sind grauenhaft. Es gibt nur „Plürrkaffee“ und „Dry Toast with butter“. Die von ihm erhofften amourösen Abenteuer mit schlanken, braungebrannten Studentinnen finden nicht statt. Unmoralische Angebote erhält er nur von matronenhaften Nymphomaninnen oder vertrockneten Bibliothekarinnen. Highlight der meisten Tage ist die Comic-Serie „Heckle and Sheckle“, die er sich abends gerne im TV anschaut.


Aber dies ist nur eine der vielen Ebenen in Kempowskis großem Roman. Es mangelt nicht an Seitenhieb auf den literarischen Betrieb. Da fehlt nicht die Eitelkeit des Autors, der bei jeder Universität als erstes nach seinen Werken in der Bibliothek sucht – und nicht findet. Lesungen finden nicht oder nur vor „bestelltem Publikum“ statt. Dem Schriftsteller wird keine Hochachtung entgegen gebracht sondern Manuskripte aufgedrängt, die er doch „gelegentlich mal“ durchlesen und bewerten soll. Die örtlichen Veranstalter kennen keines seiner Werke und schwärmen vom „gerade erst kürzlich aufgetretenen Adolf Schätzing“, der immer schon da war, wo Alexander hinkommt. Den Einen ist Sowtschick zu konservativ, bei den Anderen gilt er als liberal und auf seiner Akte, die ihm voraus eilt wie ein Unglücksbote, fehlt der Stempel „p.c. (political correct)“.
Sowtschick wird sehr ambivalent dargestellt. Auf der einen Seite sieht er sich als Botschafter der auszieht, das negative Bild, welches sich Amerika von Deutschland macht, zu korrigieren. Andererseits liegt ihm viel daran, endlich als der bedeutende Schriftsteller betrachtet zu werden, für den er sich hält. Er, der Ältere, wünscht sich von jüngeren Autoren, wie z. B. Schätzing, Anerkennung seines Werkes, seiner Wirkung und seines Lebensweges. Aber dies scheint aussichtslos und so bemerkt er gegen Ende des Romans niedergeschlagen „Wie ein Pelikan mache ich es. Ich füttere meine Jungen mit Blut. Aber sie merken es nicht.“
Sowtschick weist einige klischeehafte „typisch deutsche“ Charakterzüge auf so z. B. die Eitelkeit, die Pedanterie, die Humorlosigkeit, die Pünktlichkeit usw. Diese werden jedoch im weiteren Text konterkariert. So glaubt er z. B. vor der Abreise an alles gedacht zu haben inkl. Verfassen eines Testamentes. Muss dann jedoch in Amerika feststellen, dass er vergessen hat, eine Kreditkarte mitzunehmen. Oder er lockert steife Abendgesellschaften dadurch auf, dass er in allen Einzelheiten von seiner Lebensmittelvergiftung oder den geplatzten Auftritten erzählt. Und er kommt ständig zu spät zu Verabredungen oder erreicht erst beim allerletzten Aufruf den Abfertigungsschalter der Fluggesellschaften.

Ein ähnliches Verfahren wendet Kempowski bei der tragikomischen Darstellung des „american way of life“ an. Durch die Verwendung von Stereotypen hält er dem Leser einen Spiegel vor. Dadurch führt er das hierzulande geltende Amerikabild ad absurdum. Da gibt es die enthaltsamen Mormonen, die vergnügungssüchtigen Disneylandbesucher, die edlen, aber meistens betrunkenen Indianer, die schein-liberale Intelligenza, die magersüchtigen Mädchen, die oberflächlichen Akademiker, die leb- und lieblosen Universitätsgebäude, die coolen Cops und die toughen Germanisten.
Bei verschiedenen Anlässen wird Sowtschick auf die eine oder andere Art immer die gleiche Frage gestellt: „Waren Sie Nazi? Haben Sie auch Kinder gekillt?“ Niemand interessiert sich für Ihn geschweige denn für seinen Leidensweg, seine Erfahrungen während der russischen Gefangenschaft oder der Vertreibung aus der Heimat. Nachdem diese bittere Erkenntnis in Ihm gereift ist, bemerkt er: „Was habe ich in der Neuen Welt verloren? Warum sollte ich mich wie auf einem Sklavenmarkt einer Menschheit anpreisen, die sich für nichts interessiert, die von nichts eine Ahnung hat?“

Peter Franke liest das Hörbuch mit einer sehr nuancierten Stimme. Bei der Interpretation legt er besonders viel Wert auf die feinen Zwischentöne, die den Unterschied zwischen Karikatur und Ironie ausmachen.

Die Ausstattung der CD ist, wie leider marktüblich, mager. Außer den CDs und einigen kurzen Infos zu Inhalt, Autor und Werk enthält das Package keine weiteren Gimmicks.

Allerdings kann dieses Manko nicht den Genuss beim Hören dieser Lesung schmälern. Diesen Roman darf man sich auf keinen Fall entgehen lassen.

Rezensent: Wolfgang Haan







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