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Laurence Sterne - Leben und Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman

Laurence Sterne
Leben und Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman


Kein & Aber, 2006
Anzahl CDs: 22
Laufzeit in Minuten 1400
ungekürzte Lesung
Sprecher: Harry Rowohlt

Hoerprobe 1 (mp3, 0.8 MB)
Hoerprobe 2 (mp3, 1.9 MB)
Hoerprobe 3 (mp3, 1.1 MB)
Hoerprobe 4 (mp3, 2.4 MB)

Bestellen bei amazon.de

Ein rhapsodisches Werk

Laurence Sterne - Leben und Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman

Wer hasst es nicht: Beamten- oder Versicherungsdeutsch. Kaum ein Bürger, der noch nicht damit in Berührung gekommen ist; sei es bei der Vermählung mit dem geliebten Weibe oder der kurz danach folgenden Aufkündigung des geschlossenen Eheversprechens, dem Erwerb einer Wohnstätte oder der Übertragung des Ausgleiches eigener monetärer Verluste durch die Verursachung von monetären Verlusten bei einem anderen, beispielsweise durch die Fortbewegung mittels eines Automobils, damit man die eigenen monetären Verluste nicht durch eigenes Kapital aufbringen muss, auf ein Kollektiv, damit diese die monetären Verluste des anderen aufbringt, gegen ein geringes Entgelt, und man diese nicht durch sein eigenes Kapital aufbringen muss – kurz gesagt: einer Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung. Das meist diesen Ausführungen folgende ratlose Gesicht signalisiert dem Vortragenden, doch bitte den Inhalt des Gesagten in allgemeinverständliche Worte zu kleiden. Ganz anders Tristram Shandy, seines Zeichens Gentleman und einer der Protagonisten dieses Romans: in nur einem, vollkommen verständlichen, Satz fasst er den Ehevertrag zwischen seinen Eltern zusammen – Harry Rowohl benötigt für das vorlesen dieser Stelle fast sieben Minuten. Und es wird wohl keinen Hörer geben, dessen anfänglich fragende Gesichtszüge sich nicht im Laufe der Lesung von einem Grinsen hin zu einem breiten Lachen entwickeln – spätestens dann, wenn Harry Rowohlt am Ende mit solch starken Atemproblem zu kämpfen hat, dass man am liebsten Ausrufen würde: „Holt eine Ambulanz; der Mann muss unter ein Sauerstoffzelt!“

Alle Tage Alltag


Wie viele „große Momente“ gibt es im Leben eines Durchschnittsmenschen, wie unbestritten Tristram Shandy einer zu seiner Zeit (1759) war. Je nach Mentalität ist es vielleicht der erste Kuss – Hochzeit – Geburt eines Kindes, oder der Bezug der ersten eigenen Wohnung, das Erlangen eines Ausbildungsplatzes etc. Diese Momente nimmt man aber nur deswegen als etwas besonderes wahr, weil sie selten sind. Doch ein Leben ist trotzdem alles andere als langweilig. Man unternimmt etwas mit Partner, Freunden oder auch alleine; schaut Fernsehen, geht ins Kino und, da war doch noch was, geht zur Arbeit, Schule, Universität. 
Manchmal geschehen merkwürdige Dinge, Zufälle genannt, die doch, würde man sie bis ins I-Tüpfelchen analysieren, „nur“ darauf beruhen, dass verschiedenste Personen Handlungen tun oder unterlassen, die schließlich darin münden, dass sich die Wege an irgendeinem Punkt kreuzen. Wenn sie dies jetzt auf einen Roman übertragen, können sie sich ungefähr vorstellen, wie „Tristram Shandy“ aufgebaut ist: der Erzähler berichtet von irgendeiner Begebenheit, die einen anderen dazu bringt, etwas ähnliches zu erzählen usw. Dies führt zu einer schier endlosen Zahl von Verknüpfungen – ständig kommt man vom Baum zum Holz, vom Holz zum Stock, vom Stock zum Stöckchen. Und dies auf sehr unterhaltsame Art. Denn Sterne ist nicht nur ein begnadeter Erzähler, sondern auch ein Meister der Zweideutigkeiten. Erschienen im Zeitalter der Aufklärung, nimmt er dies ziemlich wörtlich. 
Da wird, im Vorgriff auf heutige Erkenntnisse, die Zeugung erklärt; da befragt schon mal die Ehefrau „ihre Kehrseite“, wenn sie ihrem Manne deutlich machen will, dass er sie mal am „A......“ kann; Kapitel beginnen mit „Es war mal“ und entlarven sich von vorneherein als Märchen; sexuelle Anspielungen, die man beispielsweise mit „An der Nase eines Mannes erkennt man seinen Hannes“ übersetzen könnten, gibt es zuhaus. Die Aufzählung der unterhaltsamen Abweichungen vom damals Üblichen ist unendlich – und das Interessante ist, dass all dies noch, oder wieder, so modern, so zeitlos ist, dass es dieses Hörbuch über 23 Stunden hinweg schafft, den Hörer zum Lachen zu bringen, zu fesseln und zum Wiederholungstäter zu machen. Wie bei allen guten Satiren hört man die findigen Spitzfindigkeiten erst beim mehrmaligen Hören, wenn man die offensichtliche Komik, Absurdität und Abstrusität bereits kennt.


Eine knifflige Aufgabe mit Bravour gelöst



Doch wie liest man dieses Werk? Kann die klassische Variante, die Stimmlage zu verändern, um den Charakteren individuelle Stimmen zu geben, funktionieren? Bei der Vielzahl der Person ist dies hier unmöglich. Auch das Verändern der Sprechgeschwindigkeit, um auf besonders spannende Momente hinzuweisen, funktioniert nicht – was ist spannend daran, wenn eine Geschichte auf Latein erzählt wird? Also der konstante Erzählfluss, egal was passiert? Einschläfernd bei 23 Stunden Laufzeit des Hörbuches. Was bleibt sonst? Die Antwort ist schon bald zu simpel und doch genial: man verpflichtet den einen Sprecher, der, sowohl als Übersetzter, gefeierter Sprecher anglikanischer Literatur und, bei seinen seltenen Solo-Auftritten, Begeisterungsstürme auslöst: Harry Rowohlt. 
Es gibt wohl keine Gefühlsnuance, die er nicht ausdrücken kann, ohne in Klischees zu verfallen. Er setzt bewusst andere Akzente bei der Interpretation eines Textes, als man dies herkömmlich gewohnt ist. Dabei verleiht er nicht den Protagonisten andere Tonlagen, sondern den jeweiligen Ereignissen. Beispielsweise gibt es für mich nichts langweiligeres, als mir Latein anhören zu müssen; Harry Rowohlt spricht diese Passagen in exakt dem Ton, den wir von Geistlichen gewohnt sind. Gerade durch die Häufung im Text und dadurch, dass die meisten Aussprüche nicht übersetzt werden, wird der Hörer zunächst irritiert, danach köstlich amüsiert. Denn man merkt schnell, dass das Verstehen des lateinischen völlig egal ist für den Verlauf der Geschichte – genauso wie wir, als Katholik, seit der Erst-Kommunion die Bedeutung des Rituals kennen und ihm bereitwillig folgen, ohne des Lateins mächtig zu sein. 
Wie selbstverständlich nimmt er jede Kurve der Handlung mit Bravour, indem er bereitwillig dem vom Autor vorgegebenen Weg folgt und durch den beschwichtigenden Tonfall seiner Stimme dem Hörer quasi sagt: „Nun reg dich nicht auf. Das hier muss ich dir unbedingt noch erzählen...“ 

Laurence Sternes Figuren haben alle Marotten und diese haben sie von Beginn bis Ende des Romans; im klassischen Entwicklungsroman fände ein Lernprozess statt mit anschließender Läuterung der Figur. Harry Rowohlt, im Lesen von schrulligen Charakteren ohne Lerneffekt geübt (Pu der Bär), karikiert keine der Figuren, sondern macht sie liebenswert, weckt Verständnis für ihre Ticks. Es sind ihre Handlungen, die er aufs Korn nimmt. Hier ist er gnadenlos, lässt weidlich keine Gelegenheit zur Karikatur aus; genüsslich lässt er sich die Dummheiten auf der Zunge zergehen, lässt sie langsam schmelzen und erfreut sich an dem genussvollen Nachgeschmack als wäre es Zitronensorbet. Als Hörer hungert man dann förmlich nach der nächsten Abschweifung von der Abschweifung. Und er tut uns den Gefallen und führt uns mit seiner brummigen Stimme immer weiter hinein in das Gewirr von Handlungssträngen. Doch sorgt er auch dafür, dass sich der Hörer nicht im Gewirr dieser verfängt. Immer wieder reißt er uns durch kunstvolle sprachliche Extravaganzen aus dem Labyrinth der erzählerischen Unterbrechungen und bedeutet so dem Hörer: „Achtung – Abschweifung beendet – ab hier beginnt die nächste Umleitung“. Zu keiner Zeit läuft der Hörer Gefahr, sich in einer audiophilen Sackgasse wiederzufinden, aus der es keine Möglichkeit des Entkommens gibt – es sei denn, man „blättert“ in der Trackliste zurück. 
Harry Rowohlts immenses Textverständnis führt uns dazu, dass jeder Abstecher letztendlich zur verbalen Stoppstrasse wird. Die beim Wechsel gesetzten Akzente sind dabei so unaufdringlich wie eindeutig. Es gibt keinerlei Störung, unnötige Kunstpausen oder Tonlagenwechsel. Und doch weiß man, dass nun eine Haarnadelkurve oder eine schwierige Schikane kommt – aber auch, dass man sich keine Sorgen um die Meisterung des Hindernisses machen muss, da uns die Stimme Harry Rowohlts sicher durch alle Wendungen des Romans führt. Es gibt keinen Zweifel: dieses Hörbuch wird „Hörbuch des Jahres 2006“ in der Kategorie „Bester männlicher Sprecher“.


Eine beispielhafte Ausstattung



Selten gehe ich auf die Ausstattung eines Hörbuches ein. Doch hier ist dies angebracht. Zunächst sei einmal die großzügig dimensionierte, aus stabiler Pappe bestehende Box, in dem die CD-Hüllen untergebracht sind, erwähnt. Doch bleibt es nicht allein bei hervorragend gefertigtem und designtem Äußerem. Auch die CD-Hüllen können sich sehen lassen. Der Roman wurde in neun Büchern geschrieben und jede CD-Hülle beherbergt ein Buch. Das Frontispiz jeder Hülle ist mit einer anderen Illustration versehen; sofern weniger als drei CDs enthalten sind, befindet sich auch im Innenteil noch ein Bild etc.; in allen neun findet man ein Photo von Harry Rowohlt bei den Aufnahmen des Hörbuches sowie auf der Rückseite eine ausführliche Trackliste jeder enthaltenen CD. Doch der Höhepunkt der Ausstattung ist das fast 50-seitige, beiliegende Booklet. Hier erfährt der interessierte Hörer alles Wissenswerte über Werk und Autor. Nicht nur die sprecherische Leistung sondern auch die Ausstattung und Optik des Hörbuches ragen weit über das Niveau vergleichbarer Veröffentlichungen von Werken der Weltliteratur hinaus, zumal es sich auch noch um eine ungekürzte Lesung handelt.

Rezensent: Wolfgang Haan





Verlagsinformation

Laurence Sterne erzählt in insgesamt neun Büchern vom Titelhelden Tristram Shandy, ohne dass man viel über sein Leben erführe. Im ersten Buch wird Tristram gezeugt, im dritten geboren, im vierten getauft und im fünften durch ein herabfallendes Schiebefenster beschnitten. Die Hauptpersonen sind allesamt als Zerrbilder gezeichnet: eine Schrulle bestimmt den Charakter jeder einzelnen Figur: der ordnungsliebende Vater Shandy, der kriegsversehrte Onkel Toby, der tapsige Geburtshelfer Dr. Slop. Im Pfarrer Yorick hat Sterne sich selbst geschildert, einen Mann, der gegen die aufgesetzte Ernsthaftigkeit ankämpft und durch seine Offenheit und Direktheit oft genug anstößt.
1759 begann Laurence Sterne den Tristram Shandy zu schreiben und ließ in diesem und dem folgenden Jahr die beiden ersten Teile in York drucken. Bis 1767 erschienen sieben weitere Bände. Michael Walther hat den englischen Klassiker in bestes Deutsch übertragen.

Tristram Shandy gilt als eines der wichtigsten Bücher der englischen Literatur.


Zitat: Alles, was ich von der Sache weiß, ist dies, – daß ich mich mit der Absicht niedersetze, ein gutes Buch zu schreiben: und, soweit meine dürftigen Geistesgaben zureichen würden, – ein gescheites und, ja doch, auch ein besonnenes, – einzig darum bestrebt, beim Fortschreiben allen Witz und alle Urteilskraft (ob nun viel oder wenig) hineinzulegen, welche mir der große Urheber und Verleiher derselben hat ursprünglich mitgeben wollen, – so daß es, wie Ew. Gestrengen sehen, – just so ist, wie’s Gott gefällt.

»Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat; wer ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele.«
Johann Wolfgang von Goethe


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